Sechs Sinne
Romantasy Geschichte
Die Geschichte „Sechs Sinne“ von Pia Rausch hat am EIS Schreibwettbewerb 2025 zu den Themen Dark Romance und Romantasy teilgenommen. Wir freuen uns darauf, die Geschichte endlich mit der Community teilen zu können!
Kapitel 1
Ich stürme durch die Duschen, vorbei an nackten Frauen und warmen Dampfschwaden, hinein in die Schwimmhalle.
Mein Puls rast.
Wie kann dieses Arschloch es wagen, mir so ein Geständnis einfach ins Gesicht zu klatschen? Seine unerwartete Nähe prickelt immer noch an meinen Nervenenden. Warmer, alkoholisierter Atem, der meine Wange streifte. Lippen, die so unmittelbar vor meinen schwebten, dass ich glaubte, er würde mich jeden Augenblick küssen. Stattdessen wisperte er mir vier komplett irrationale Worte entgegen.
Die ganze Nacht konnte ich seinen verfluchten Duft nach Whiskey und rauer Männlichkeit nicht aus meiner Nase bekommen.
Gestern war ich überfordert.
Doch heute bin ich wütend.
So richtig wütend.
Ich stampfe am Beckenrand entlang und scanne die Wasseroberfläche nach seiner vollkommen lächerlichen, neongrünen Badekappe ab. Ein paar empörte Aufschreie folgen mir, als ich mit Straßenschuhen über die feuchten Fliesen schlittere.
„Hey! Schwachkopf!“, fauche ich seiner Gestalt entgegen, die neben mir her krault. Keine Reaktion.
Gut, dann anders.
Ich greife nach meiner Magie, taste nach seinen Sinnen und erschaffe ein Bild. Das Bild eines gigantischen, weißen Hais, der mit aufgerissenem Kiefer auf ihn zuhält und schleudere es auf ihn.
Zufrieden beobachte ich, wie er hektisch strauchelt und hustend auftaucht. Sobald er mich entdeckt, verfinstert sich seine Mine und er steuert auf den Beckenrand zu. In einer einzigen fließenden Bewegung stemmt er sich aus dem Wasser. Tropfen rinnen ihm den Körper hinab und perlen auf seiner idiotisch durchtrainierten Brust.
„Was bei alle sechs Sinnen sollte das, Noah?“, fahre ich ihn an. Ich lege meinen Kopf in den Nacken, um ihn anzublitzen. Mich nervt es, dass er so viel größer ist als ich. Das hat mich schon immer genervt.
Er verschränkt die Arme vor dem Bauch und legt den Kopf schräg. „Was sollte was?“ Ich stoße ein frustriertes Knurren aus. „Lass es mich für dein unterbelichtetes Gehirn zusammenfassen. Wir sind von der Party gestern nach Hause gelaufen. Wie immer. Dann bist du mir auf die Pelle gerückt. Nicht wie immer.“ Meine Stimme schießt eine Oktave höher. „Und dein betrunkener Arsch hat mir gesagt, dass mein Exfreund mich nicht verdient hat und dass du mich willst! Verfluchte Scheiße!“
Ich will dich, Mila.
Vier, gegen meine Wange gehauchte Worte, die immer noch in meinem Trommelfell vibrieren.
Schalk funkelt in seinen Augen. „Hilf mir auf die Sprünge. Wie nah genau stand ich an dir dran?“ Sein Mundwinkel zuckt spöttisch.
„Wir kennen uns seit der Grundschule, Noah. Ich bin die Exfreundin deines besten Freundes!“ Ich gebe ihm einen kräftigen Stoß vor die Brust. Er schwankt nicht mal. Bei der Erwähnung von Kai spannt sich seine Kieferpartie an. Ich hole tief Luft, versuche meinen Herzschlag zu beruhigen. Zu seinen Füßen hat sich eine Pfütze gebildet, die sich allmählich in meine Schuhsohlen saugt. „Warum sagst du so etwas?“
Noahs Blick versenkt mich. „Weil es die Wahrheit ist.“
Ich balle die Fäuste. „Also erinnerst du dich doch.“
Er zögert eine Sekunde, dann schiebt er seinen tropfnassen Körper an mir vorbei und greift nach einem Handtuch. „Zerbrich dir nicht deinen hübschen Kopf darüber. Kai wird es nicht erfahren.“
„Das ist alles?“ Ich werfe die Hände in die Luft. „Keine Entschuldigung, kein Oh ich war betrunken, war nicht so gemeint?“
Noah schweigt.
Ich beiße meine Zähne zusammen. Er will Krieg? Den kann er bekommen. Auf dem Absatz mache ich kehrt und stürze zum Ausgang. Mein Inneres rumort. Ich hasse es. Ich hasse ihn. Am meisten hasse ich, dass zum aller ersten Mal nach all den Jahren jedes meiner Nervenenden nach Noahs Nähe verlangt.
Kurz vor der Tür halte ich inne und wirbele noch einmal herum. „Noah?“ Seine dunklen Augen treffen meine. „Nur falls das gerade nicht klar geworden ist. Ich will dich nicht.“
Kapitel 2
Der Lärm der Bar verschwimmt zu einem surrenden Brei. Fokussiert nippe ich an meinem zweiten Pina Colada, der mir jetzt schon in den Oberschenkeln prickelt und ignoriere Noahs bohrende Blicke vom anderen Tischende. Schulter an Schulter presse ich mich zwischen Nelly und Kai in die Eckbank. Das übrige Schwimmteam des Campus sitzt fröhlich plappernd um den Tisch herum.
Blondes Haar kitzelt meine Schläfe, als sich Kai zu mir hinüberlehnt. „Es ist schön, dass du heute hier bist.“
Ich schenke ihm ein ehrliches Lächeln. „Finde ich auch.“ Vor drei Monaten habe ich mich von ihm getrennt. Trotzdem fühlt es sich nicht falsch an, mit ihm und unseren Freunden hier zu sitzen. Mir war ohnehin klar, dass wir uns nicht vollständig aus dem Weg gehen können. Wir sind beide im Campus Schwimmteam, haben denselben Freundeskreis, dieselben Kurse.
„Wie geht es dir?“ Meine Schultern versteifen sich. Die echte Frage, die sich dahinter verbirgt, schwebt wie eine Guillotine über mir. Wie geht es deinem Bein? Ich nehme einen kräftigen Schluck von meinem Pina Colada. „Besser.“ Besorgt mustert er mich. Am liebsten würde ich ihm sein Mitleid aus dem Gesicht kratzen. Auf diese Weise sieht er mich seit meiner ersten Schmerzattacke mitten im Wettkampf an. „Es wird besser“, schiebe ich mit einem erzwungenen Lächeln hinterher, in der Hoffnung er lässt das Thema endlich fallen.
Gänsehaut kriecht über meine Arme, als er in meine Sinne eintaucht und mit seiner Gefühlsmagie eine sanfte Berührung über meinen Kieferknochen schickt. Ein sanftes Streifen seiner Fingerspitzen, obwohl er mit beiden Händen das Bier vor ihm umschlingt. Eine beruhigende Geste, aus der Zeit als wir noch ein Paar waren. Mit einem Gefühlsweber zusammen zu sein, hat durchaus seine Vorteile.
„Alles kommt, wie es kommen muss“, sagt er. Kai schenkt mir noch ein Grinsen und steigt dann in ein Gespräch vom anderen Tischende ein. Seine blonden Locken wippen bei jedem Lachen. Ich mag zwar mit ihm Schluss gemacht haben, aber Kai ist noch nicht fertig mit mir. Ein kleiner Teil von mir möchte dem nachgeben, um mich wieder geborgen zu fühlen. Ein noch größerer Teil von mir möchte dem nachgeben, um Noah eins auszuwischen.
Ich rühre mit meinem Strohhalm im Pina Colada und blicke schließlich seufzend in Noahs haselnussbraune Augen. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, das sich eng um seine muskulösen Schultern schmiegt. Die dunklen Haare fallen ihm in die Stirn und werfen einen Schatten auf seine unverschämt scharfen Wangenknochen. „Hast du dich nicht langsam mal an mir satt gesehen?“
Ein schiefes Lächeln springt auf seine Lippen. „Nicht in hundert Jahren und auch nicht in tausend.“
Meine Wangen werden heiß. Verräterischer Körper.
Seine beringten Finger trommeln auf der mit Wasserrändern beschmutzen Tischplatte. „Du hast gelogen.“
„Habe ich?“, gebe ich genervt zurück.
„Du hast gesagt, du willst mich nicht.“
„Das ist korrekt. Alles ist beim Alten.“
„Und warum hast du mich den ganzen Abend über noch kein einziges Mal angeschaut?“ Ich hebe trotzige das Kinn. „Ich sehe dich jetzt an.“
„Aber du willst es nicht. Warum?“ Weil ich sonst nicht umhinkäme, jeden verdammten honigfarbenen Sprenkel in seiner Iris zu zählen, die mir die letzten zwölf Jahre nie aufgefallen sind.
„Weil ich keinerlei Interesse daran habe, von deinen Flirtereien heimgesucht zu werden.“ Ich lehne mich nach vorne auf meine Ellenbogen und senke die Stimme. „Bist du morgens aufgewacht und dachtest dir, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um Mila mit irgendeinem kranken Spiel in den Wahnsinn zu treiben?“
Seine Augen blitzen provokant auf. „Ich treibe dich in den Wahnsinn?“
„Das ist nicht der Punkt. Warum flirtest du plötzlich mit mir, Noah?“
„Ich flirte nicht.“ Noahs Mine wird ernst und er lehnt sich ebenfalls nach vorne. Sein Blick senkt sich zu meinem Mund. „Ich genieße nur, wie dein Körper neuerdings auf mich reagiert.“ Ich möchte ihm entgegenbrüllen, dass er mich am Arsch lecken kann, aber mein Körper verrät mich erneut. Hitze wallt in mir auf, wandert von meinen Wangen hinab in meinen Unterleib. Das ist nicht das Werk eines Sinnesmagiers, sondern ganz allein meiner Fantasie geschuldet. Noahs Grinsen entblößt ein Grübchen. Er genießt, wie er mich aus der Fassung bringt. Arschloch.
Eine Hand legt sich auf meine und ich zucke zusammen. „Ich brauche einen Shot!“, ruft mir Nelly über die Musik hinweg zu. Ich nicke erleichtert.
Nelly schleift mich fort vom Tisch in Richtung Theke und bestellt zwei Shots. Die ganze Zeit über spüre ich Noahs stechende Aufmerksamkeit in meinem Rücken.
Skeptisch begutachte ich die alkoholische Flüssigkeit und mir graut es jetzt schon vor dem Brennen in meiner Kehle.
„Wie wäre es mit Pfirsich?“, feixt Nelly mit wackelnden Brauen.
Ich grinse sie an und greife nach dem Glas. Jeder sollte eine Geschmacksweberin in seinem Freundeskreis haben. Unsere Gläser stoßen klirrend aneinander und ich kippe meinen Kopf in den Nacken. Gerade rechtzeitig legt sich Nellys Sinnesnebel über meine Zunge und der Wodka schmeckt nach saftigem, frisch gepflücktem Pfirsich. Sie pfeffert ihr Glas auf den Tresen und schiebt sich durch die Menge zurück zu den anderen.
Seufzend lehne ich mich an die Theke, zögere noch einige Sekunden hinaus, bevor ich mich wieder in Noahs Radar begebe. Sein tiefes Lachen rollt zu mir herüber. Es ist schlichtweg unfair, dass er mich so aus der Ruhe bringt und er scherzt mit seinen Freunden, als wäre nichts gewesen.
Meine Mundwinkel zucken, in mir beginnt sich eine Idee zu formen. Ich taste nach Noahs Sinnen und beginne Bilder hineinzuweben.
Sein Atem stockt und sein Lächeln rutscht ihm aus dem Gesicht. Urplötzlich schnellt sein Kopf zu mir herum. Ungerührt webe ich weiter das Bild in seinen Geist. Meine prallen Brüste, meine steifen Nippel. Wie ich mich breitbeinig auf seinen Schoß setze, meine Lippen die Wölbung seines Bizepses nachfahren. Meine Fingerspitzen, die sein Brustbein hinab wandern.
Ich kann weder sein Gehör noch die Nervenenden auf seiner Haut beeinflussen, doch jeden Zentimeter meines nackten Körpers sieht er stechend scharf. Er könnte den Nebel einfach abschütteln, könnte jederzeit aus meiner Illusion ausbrechen. Doch stattdessen inhaliert er sie. Seine Hände ballen sich auf der Tischplatte zu Fäusten, sein Kiefer ist zum Zerreißen gespannt.
Ob ich ihn allein dadurch zum Kommen bringen könnte?
Die Hand eines Teamkollegen trifft Noah fest auf der Schulter und er schreckt zusammen. Die Illusion zerplatzt und mein Sinnesnebel löst sich auf. Der Lärm der Bar stürzt wieder auf mich ein.
Meine Mitte pocht vor Erregung. Schockiert stelle ich fest, dass ich enttäuscht bin. Ich wollte Noah nicht nur ärgern. Ich wollte ihn kommen sehen. Ich habe eine Grenze überschritten, die ich niemals überschreiten wollte.
Ich wirbele zur Theke herum und bestelle mir einen Wodka Shot.
Kapitel 3
Ich ziehe Nelly in eine schnelle Umarmung.
„Sicher, dass du schon gehen musst?“ Kai lehnt im Türrahmen zur Küche. „Ich schreibe in…“ Ich werfe einen schnellen Blick auf mein Handy. „Neun Stunden und zehn Minuten meine Ethik Klausur. Also ja, ich bin mir sicher.“ Ich werfe einen Abschiedsgruß in die gemütliche Runde auf dem Sofa. Die Hausparty ist noch im vollen Gange.
Noah ist nicht dort. Vor einer halben Stunde ist er mit einer Rothaarigen in sein Schlafzimmer verschwunden. Der alte Noah scheint wieder da zu sein. Der Noah, der nie auch nur einen Hauch an mir interessiert war.
Ich husche in den Flur und steuere die Badezimmertür an. Besetzt. Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es noch eine Toilette im Keller. Noahs Haus ist der reinste Irrgarten. Er teilt es sich mit drei seiner Kommilitonen.
Rasch drücke ich die Klinke der Kellertür hinab und folge den Stufen nach unten. Auf dem Absatz der Treppe bleibe ich wie angewurzelt stehen.
Der Raum besteht nur aus aufgereihten Weinflaschen und einem Billardtisch. Darauf liegt eine splitternackte Frau. Ihre roten Haare fallen über das grüne Filz, als versuche es ihn in Brand zu setzen.
Doch sie ist nicht der Grund, warum mein Herz ins Straucheln gerät. Es ist der schwarze Schopf, der über ihrem Körper schwebt und Küsse auf ihrem Schlüsselbein verteilt. Noah.
Mein Gesicht brennt wie Feuer. Ich sollte nicht hier sein.
Ich will herumwirbeln und die Treppe wieder hinaufsprinten, doch im selben Moment verhakt sich Noahs Blick mit meinem.
Seine Augen sind von Lust getränkt. Er scheint für den Bruchteil einer Sekunde überrascht. Doch er stoppt weder die Erkundungstour seines Mundes, noch unterbricht er unseren Blickkontakt.
Mein Verstand brüllt mir zu, dass ich verschwinden soll. Ich verharre wie ein Reh im Scheinwerferlicht, zu fasziniert von seinen Lippen, die über die Haut der fremden Frau wandern. Sein stechender Blick ist eine Einladung. Eine Einladung an den verdorbensten Teil meiner Seele.
Raue Lippen streifen die Haut an meiner Schulter. An eben dergleichen Stelle, wo Noah auf der anderen Seite des Raumes die Rothaarige berührt. Ich schnappe nach Luft. Zaghaft senkt sich seine Gefühlswebung auf meine Sinne, übernimmt die Kontrolle über die Nervenenden meiner Haut.
Erneut haucht er einen Kuss auf meine – nein, ihre - Schulter. Zurückhaltend und sanft, als bäte er mich um Erlaubnis.
Ich könnte den Sinnesnebel vertreiben, könnte einfach verschwinden.
Seine Lippen wandern weiter, stoppen in meiner – nein, ihrer – Halsbeuge und eine Welle der Lust überrollt mich und vertreiben jeden Gedanken an Flucht. Bei allen sechs Sinnen, ist das verwirrend. Es ist, als läge ich auf diesem Tisch. Als wäre ich sie.
Langsam tastet er sich hinab. Ich verfolge jeden seiner Bewegungen, beobachte, wie seine Zunge um den Nippel der Rothaarigen kreist. Das Gefühl trifft mich wie ein Abrisshammer. Hart beiße ich mir auf die Lippe, um ein Aufstöhnen zu unterdrücken. Die Knie drohen unter mir nachzugeben.
Keine Sekunde löst er seinen Blick von mir, saugt jede Gefühlregung, die er mir beschert, auf. Ich spüre seine kühlen Ringe, wie er mit seinen Händen ihre Knie auseinanderschiebt und seine Zungenspitze die Innenseite meines Oberschenkels hinauffährt. Mein Unterleib krampft sich verlangend zusammen. Langsam nähert er sich meiner pochenden Mitte. Mein Körper kann es kaum erwarten, will wissen, wie es sich anfühlt. Wie er sich anfühlt. Mein Verstand dagegen würde sich gerne übergeben und schreiend davonrennen. Vor diesem verbotenen Verlangen, dieser zerreißenden Lust.
Dann stößt Noah seine Zunge zwischen meine Schamlippen. Ich kralle meine Hand in das hölzerne Treppengeländer und ein obszönes Stöhnen platzt mir aus der Kehle. Die Rothaarige setzt sich ruckartig auf, sieht mich und kreischt.
Noahs Sinnesnebel fällt von mir ab und die Realität klatscht mir ins Gesicht wie ein feuchter Waschlappen.
Was verflucht mache ich hier?!
Einen Atemzug später sprinte ich die Treppe hinauf, stürze in den Flur. Gedämpfte Gespräche und Musikbässe brummen durch die geschlossene Wohnzimmertür. Ich muss hier raus. Schnell.
Kapitel 4
Mein Verstand begreift noch nicht ganz, was gerade passiert ist. Was ich habe passieren lassen. Ich packe meine Jacke, fahre herum und pralle gegen eine harte Brust.
Mit zerzausten Haaren und aufgeknöpftem Hemd steht Noah atemlos vor mir. Unter der Intensivität seiner Augen poltert mein Herz unsanft gegen meinen Brustkorb. „Wo hast du deine Begleitung gelassen?“
„Unwichtig.“
„Arschloch“, murmele ich. Ich will meinen Blick senken, aber bleibe an seinen Lippen hängen. Verdammt, w_as tue ich hier?_
Ich weiche zurück und stoße mit meinem Rücken gegen die Wand. Wie ein Magnet folgt er meiner Bewegung und steht plötzlich so dicht vor mir, dass ich keine Kontrolle mehr über meine Fingerspitzen habe und sie an seine gemeißelten Bauchmuskeln presse. Mein Kopf kippt in den Nacken, um ihn ansehen zu können. „Bitte sag mir, dass das gerade nicht wirklich passiert ist.“
Er mustert mich mit einem amüsierten Funkeln. „Das werde ich nicht. Denn ich bereue keine schmutzige, unanständige Sekunde davon.“ Meine Lungenflügel scheinen ihren normalen Rhythmus vergessen zu haben. Ich schließe die Augen, schlucke. „Ich dachte mir, es ist an der Zeit mit dir, das zu machen, was du mit mir schon seit Jahren machst. Mich verrückt.“ Er greift unter mein Kinn, schiebt es noch höher, bis meine Lippen unmittelbar vor seinen schweben. „Wenn du willst, dass ich dich küsse, musst du es sagen“, raunt er mir zu.
„Das ist ganz sicher nicht das, was ich will.“ Die Lüge liegt staubtrocken auf meiner Zunge und ich würde sie am liebsten direkt wieder ausspucken.
Noah tritt noch näher an mich heran. So nah, dass meine Brust beim Atem holen, die seine streift. „Dann zeig mir, was du willst.“ Seine raue Stimme an meinem Ohr jagt mir einen Schauer die Wirbelsäule hinab.
Ich sollte nicht. Ich sollte wirklich nicht…
Aber Bilder zu weben, erfordert nun mal eine deutlich geringere Hemmschwelle, als Worte auf meiner Zunge zu bilden.
Ich packe seine Sinne und ein Schwall meiner Fantasien überschwemmt seinen Geist. Ich knie vor ihm, schließe langsam meine Lippen um seinen Schwanz. Noah stöhnt auf und stemmt seine Hand neben mich gegen die Wand. Wie er an meinen Brüsten lutscht, während ich rittlings auf ihm sitze. Mein Körper, der sich langsam auf seinen Schwanz hinabsenkt.
Ein tiefes Grollen kommt aus seiner Kehle und lässt meine Mitte unerträglich pochen. Noah nimmt sich die letzten Zentimeter, die zwischen uns hängen und verschlingt sie. Verschlingt mich. Seine Lippen treffen auf meine, spaltet sie mit seiner Zunge. Der Kuss verbrennt mich. Ich stöhne auf, ziehe ihn noch näher an mich heran. Unsere Zungen tanzen umeinander. Seine eine Hand schiebt sich unter meinen kurzen Rock, packt meinen Po, während die andere auf meinem nackten Bauch Kreise zieht. Dann löst er sich von mir, seine Hände um mein Gesicht gelegt. „Bist du dir sicher, dass du das willst, Mila?“
Ich starre auf seine Lippen. Alles, an das ich denken kann, sind seine verfluchten Lippen. Wie konnte ich das letzte Jahrzehnt keinen Gedanken an diese vollkommenen Lippen verschwenden?
Ich zwinge mich ihm in die Augen zu schauen. „Wir kennen uns unser halbes Leben. Ich vertraue dir“, flüstere ich. Er zögert keine weitere Sekunde und küsst mich erneut, hebt mich hoch. Fest schlinge ich meine Beine um seine Hüfte und meine Hände finden seine Oberarme. Zwischen Lippen, Haut und Keuchen nehme ich wage wahr, wie er eine Tür aufstößt und mich auf einer kühlen Fläche absetzt. Der Geruch von Waschpulver hängt in der feuchten Luft.
Er presst Küsse in meine Halsbeuge. „Fuck, ist das gut“, platzt es mir heraus. Ein Lachen kitzelt an meiner Halsbeuge. „Danke.“
„Idiot“, murmele ich, als er mir mein Top über den Kopf zieht und in derselben Bewegung meinen BH öffnet. Überrascht schnappe ich nach Luft.
Zufrieden begutachtet er meine entblößten Brüste, umkreist sanft mit seinen Fingern meine Nippel und entlockt mir ein Wimmern.
Ohne Vorwarnung sinkt er vor mir in die Knie und mir entweicht ein weiteres Aufstöhnen. Er knurrt zufrieden und beginnt sich an meiner Oberschenkelinnenseite empor zu küssen. Ein Zittern schießt durch meinen Unterkörper.
Er schiebt meinen Rock nach oben und zieht mir den durchnässten Slip aus. Mit einem Ruck zieht er mich an meinen Knien nach vorne, so dass mein Po halb über die Kante hinausragt und legt seinen Mund auf meine Schamlippen. Seine Zunge dringt in mich ein und ich keuche. Alles in mir summt.
Noah packt meine Beine, zieht meine Öffnung noch näher an sich heran und beginnt mit seinem Finger meine Klitoris zu reiben. Wieder und wieder stößt seine Zunge in mich. Dann zerspringe ich, meine Mitte zieht sich zusammen und der Orgasmus flutet meinen Unterleib. Keine Sekunde später steht er wieder zwischen meinen Beinen, küsst mich. Ich schmecke mich selbst auf seinen Lippen. Ich bin ihm so nah, aber nicht nah genug, schlinge meine Beine wieder um seinen Unterleib.
Deutlich presst sich die Beule in seiner Jeans an meine immer noch pulsierende Vulva. Zu viel Stoff. Ich öffne seine Hose, ziehe seine Boxershorts herunter und sein praller Schwanz springt heraus.
Geradezu ehrfürchtig umfasse ich seinen Schaft. Wie er sich wohl zwischen meinen Lippen anfühlt? Noah stößt ein tiefes Grollen aus und mein Blick springt zu seinem Gesicht.
Schlagartig wird mir bewusst, wie surreal das alles ist.
Der Mann, der mich mit dreizehn für meine Zahnspange aufgezogen hat und mir mit sechzehn nach meinem ersten Tequila-Shot, die Haare auf dem Klo zurückgehalten hat, hat mir gerade einen Orgasmus verpasst und jetzt halte ich seinen Schwanz in der Hand. Erschreckenderweise ist es das Natürlichste der Welt. Als hätten wir nie etwas anderes getan. Meine nutzlose Blutpumpe stolpert erneut vor sich hin, während sich jeder meiner Muskeln unter seinen dunklen Augen entspannt.
Ich schiebe ihm das offene Hemd von den Schultern und entblöße seine Bauchmuskeln. Ungeniert starre ich, fahre jede Kontur nach. Ich habe ihnen lange genug keine Beachtung geschenkt. Was für verschwendete Zeit. Diese definierten Muskeln haben nichts anderes verdient, als dass ich sie den ganzen Tag anstarre.
Ich schaue wieder auf und begegne seinen zuckenden Mundwinkeln. Behutsam greift er nach meinem Gesicht, streicht mir verirrte Haarsträhnen zurück und verweilt auf meiner Wange. Erneut beugt er sich vor, um mich zu küssen. Nicht wild und ertrinkend, sondern sanft und liebevoll. In diesem Kuss liegt so viel Gefühl, dass es mir fast Angst macht.
Mit einem sehnsüchtigen Pochen erinnert mich meine Vagina an ihre Anwesenheit. Noah hat mich eindeutig genug hingehalten. Ich greife in seine Haare, zwinge seine Zunge noch tiefer in meinen Mund. Mit einem Grinsen löst er sich. „Ungeduldig?“ Als Erwiderung beiße ich in seine Unterlippe.
„Mila.“ Er hebt mit seinem Finger mein Kinn an. „Letzte Chance einen Rückzieher zu machen. Wenn wir den Schritt gehen…“ Er schluckt. „Das wird alles verändern.“
Seine Worte lösen nicht den erwarteten Effekt aus. Kein Stein, der sich in meinem Magen hin und her rollt. Im Gegenteil. Es fühlt sich leicht an. Leicht und unkompliziert. „Es hat bereits alles verändert.“ Sanft fahre ich seinen scharfen Wangenknochen nach. „Ich will dich, Noah“, flüstere ich die vier, verhängnisvollen Worte, die uns überhaupt erst in diese Lage gebracht haben.
Das Knistern einer Kondompackung erfüllt den kleinen Raum. Er streift sich das Latex über. Keine Sekunde später packen seine Hände fest meinen Hintern. Ich stehle mir einen schnellen Kuss, bevor er mich näher an sich zieht. Meine Hände krallen sich in seine Rückenmuskeln. Er greift zwischen uns, streift mit der Spitze seines Schwanzes über meinen feuchten Schlitz und im nächsten Moment ist er in mir. Ein Wimmern entkommt meinen Lippen, als sich das bittersüße Stechen durch meinen Unterleib zieht. Mit einem Stoß versenkt er sich weiter in mir und mein Körper ihn vollständig aufgenommen hat. Einen kurzen Moment suhlen wir uns in diesem Gefühl der Verbundenheit. Bis er es nicht mehr aushält und seine Hüften bewegt. Haut klatscht auf Haut, während wir uns mit jeder Bewegung weiter zum Höhepunkt treiben. Meine Finger wandern in seinen Nacken, vergraben sich in seinen Haaren. Unerträgliche Spannung baut sich in meinem Inneren auf. Ich finde seine Lippen, küsse ihn, als wäre er meine Luft zum Atmen. Sein Keuchen entzweit unseren Kuss. Die Stöße werden härter. Alles in mir spannt sich an, um mich dann in einer erneuten Welle der Lust davon zu spülen. Noahs Hüftbewegungen werden schneller, drängender, bis er sich in einem Stöhnen in mir ergießt.
Nach Atem ringend senkt er seinen Kopf auf meine Schulter und ich vergabe mein Gesicht in seiner Halsbeuge. Pulsierend breitet sich in Entspannung in meinem Unterbauch aus. Eine Weile verharren wir in dieser Position, geben uns ganz dem Gefühl hin, wie sein pochender Schwanz mich ausfüllt. Vorsichtig zieht er sich aus mir zurück und ein Seufzer entweicht mir.
Kapitel 5
Er schenkt mir ein zärtliches Lächeln. „Mila.“ Das Lächeln verrutscht.
Ich ziehe die Brauen zusammen. „Alles gut?“
Er schüttelt den Kopf und sein Blick sackt hinab. Holprig falle ich aus der Wolke der Glückseligkeit, die mir mein Orgasmus verschafft hat. „Was ist los?“ Ich umfasse seine Wangen, zwinge ihn mich anzusehen. Der Schmerz in seinen Augen trifft mich wie eine Backpfeife. „Du bereust es.“
Ich sehe den Kampf in seinen Augen und ein krampfender Kloß bildet sich in meinem Magen. Was bei allen sechs Sinnen?
„Er war es“, stößt Noah hervor. „Kai hat dir diese Schmerzen in den Geist gewebt, damit du das Stipendium für Irland nicht bekommst.“
Eine Welle des Schocks überrollt mich. Meine Hände fallen von seinem Gesicht. „Nein. Das hätte ich gemerkt“, murmele ich.
Noah schnaubt bitter. „Hättest du?“ Nein, hätte ich nicht. Ich habe ihm vertraut. Nie im Leben wäre es mir eingefallen, dass er mich mit einem Sinnesnebel belegt.
Noahs Stimme nimmt einen weichen Unterton an. „Mila.“ Sanft wischt er mir eine Träne von der Wange. Ich schließe die Augen. Erinnere mich an den stechenden Schmerz in meinem Bein. Sehe Kais besorgten Blick. Sein Mitleid. Seine heldenhafte Pflege nach den Unfällen. Ja, ich zweifele keine Sekunde daran, dass er zu so etwas im Stande ist.
Noah nimmt mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, zwingt mich ihn anzusehen. Wut glimmt in seiner Iris. „Wir werden ihn büßen lassen. Das verspreche ich dir.“















