Shrekking
Wenn Attraktivität plötzlich zur Strategie wird
Schon wieder ein neuer Dating-Trend? Jep. Und dieser hat es in sich. Shrekking hört sich zwar lustig an, meint aber ein reales und ernstes Dating-Phänomen: Menschen daten bewusst Personen, die sie selbst als weniger attraktiv einschätzen. Und zwar nicht zufällig oder aus romantischen Gründen, sondern absichtlich. Warum? Weil sie sich dadurch mehr emotionale Sicherheit erhoffen. Aber ist Shrekking wirklich cleverer Selbstschutz oder eher ein Warnsignal für moderne Beziehungen? Genau das schauen wir uns jetzt mal genauer an.
Was bedeutet Shrekking im Dating?
Der Begriff Shrekking stammt aus sozialen Netzwerken und beschreibt ein strategisches Dating-Verhalten der Gen Z: Menschen daten absichtlich eine Person, die sie selbst als weniger attraktiv oder weniger begehrt einschätzen – in der Hoffnung, dann besser behandelt zu werden als von einem „Schönling“. Oder, wie unsere Großeltern vermutlich gesagt hätten: Von einem schönen Teller isst man nicht alleine.
Die dahinterstehende Idee? Mehr Einsatz, mehr Wertschätzung und weniger Verletzungsgefahr. Denn wer als weniger attraktiv wahrgenommen wird, erscheint vielen als „sicherere Option“. Shrekking soll uns also davor schützen, enttäuscht zu werden. Zum Beispiel vor Ghosting, vor emotionalem Rückzug oder einfach vor dem Gefühl, im modernen Dating austauschbar zu sein. Gerade in Zeiten von eher unverbindlichen Dynamiken wie Situationships wirkt dieser Gedanke für viele sehr verlockend.
# Fact-Check: Wie entsteht Shrekking?
Ganz ehrlich? Eine wissenschaftliche Erklärung gibt’s für Shrekking (noch) nicht. Aber aus meiner Erfahrung und nach sehr vielen Stunden in der Dating-Bubble, entsteht Shrekking wohl vor allem aus Frust. Wenn es mit den vermeintlich „schönen“ Menschen immer wieder nicht klappt, sinkt die Hoffnung und es wird an der eigenen Dating-Strategie geschraubt. Standards werden gesenkt, der Blick verändert – vor allem auf Aussehen und Attraktivität. Ob diese Taktik am Ende aufgehen kann?
Warum Shrekking gerade jetzt so präsent ist
Ist es Zufall, dass Shrekking gerade jetzt zum Trend wird? Wohl eher nicht. Der Begriff steht stellvertretend für eine kollektive Dating-Müdigkeit. Viele Menschen haben das Gefühl, dass moderne Dating-Strukturen eher verunsichern als verbinden. Drei Entwicklungen spielen dabei besonders stark zusammen:
Negative Trend-Begriffe wie caspering, ghostlighting, benching oder breadcrumbing sind längst Teil des Alltagsvokabulars im Dating geworden. Sie zeigen, wie normal emotional unverbindliches Verhalten inzwischen ist. Aufmerksamkeit wird zur knappen Ressource, echte Verbindlichkeit wirkt riskant. In diesem Umfeld erscheint Shrekking für manche wie eine vermeintlich clevere Strategie: Es gibt weniger Konkurrenz und dadurch hoffentlich auch weniger Herzschmerz.
Attraktivität als Machtfaktor in Beziehungen
Shrekking legt offen, was im Dating oft unausgesprochen bleibt: Attraktivität wird mit Macht gleichgesetzt. Menschen, die als besonders attraktiv gelten, bekommen meist mehr Aufmerksamkeit und haben dadurch auch mehr Auswahl und Spielraum im Verhalten. Sie haben nach dieser Theorie also mehr Macht in der Beziehung und können häufiger bestimmen, wie und wann Nähe entsteht und endet.
Genau hier setzt der Dating-Trend an. Wer shrekt, möchte nämlich diese Dynamik umdrehen, sich selbst bewusst an die "stärkere" Stelle setzen und ein Machtgefälle hervorrufen. Er oder sie möchte den attraktiven, „mächtigen“ Part übernehmen und die Kontrolle über die Beziehungsdynamik haben. Und genau hier beginnt die kritische Diskussion.
Wann wird Shrekking problematisch?
Unproblematisch ist der Dating-Trend trotzdem nicht. Beziehungen, die auf einem Ungleichgewicht in der Wahrnehmung basieren, sind selten stabil – vor allem dann nicht, wenn sich eine Person innerlich überlegen fühlt. Problematisch wird Shrekking vor allem dann, wenn:
In solchen Konstellationen entsteht schnell eine toxische Dynamik. Nähe wird kontrolliert und Aufmerksamkeit bewusst dosiert. Kann man so überhaupt eine authentische Verbindung oder gar eine wahre Liebe aufbauen?
Shrekking und der Irrtum von Sicherheit
Ein zentraler Irrtum hinter Shrekking ist die Annahme, dass geringere Attraktivität automatisch zu mehr Loyalität führt. Doch aus Aussehen lassen sich keine verlässlichen Rückschlüsse auf Charakter oder Beziehungsfähigkeit ziehen. Gutes Aussehen verdirbt nicht automatisch den Charakter. Andersherum können auch weniger attraktive Menschen können eine Beziehung beenden und emotional unerreichbar sein.
Shrekking gaukelt einem Sicherheit vor, wo es eigentlich um Vertrauen gehen müsste. Wer Dating nur noch als Strategie begreift, meint zwar sich vor Liebeskummer zu schützen – verschließt es aber oft auch oder vergiftet Beziehungen. Nähe entsteht so nicht aus echtem Interesse, sondern aus Kalkül.
Ist Shrekking ein Warnsignal für modernes Dating?
Ich glaube, man sollte Shrekking weniger als Trend, sondern eher als Symptom unseres Dating-Zeitalters sehen. Es zeigt deutlich, wie erschöpft, misstrauisch und vorsichtig Dating geworden ist.
Statt sich wirklich auf eine Person einzulassen, wird kalkuliert. Statt Anziehung zuzulassen, werden Rückschlüsse gezogen – auf Verhalten, auf Aussehen, auf vermeintliche Beziehungsfähigkeit. Shrekking macht sichtbar, was dahintersteckt: der enorme Wunsch nach Verlässlichkeit in einem schnelllebigen Dating-Zeitalter.
Shrekking vs. echte Anziehung
Nicht jede Beziehung, in der Attraktivität unterschiedlich wahrgenommen wird, ist automatisch Shrekking. Entscheidend ist der innere Antrieb. Wenn Du jemanden datest, weil Du ihn wirklich magst – unabhängig davon, wie du oder andere seine bzw. ihre Attraktivität bewerten – hat das nichts mit Shrekking zu tun.
Shrekking beginnt dort, wo Anziehung in den Hintergrund rückt und Strategie übernimmt. Diese Verschiebung fühlt sich anfangs vielleicht clever an. Langfristig fehlt jedoch oft das, was Beziehungen trägt: echte Nähe, gegenseitige Wertschätzung und das Gefühl, nicht aus Berechnung gewählt worden zu sein.
Fazit: Shrekking ist kein Beziehungsfundament
Der Dating-Trend Shrekking zeigt vor allem eines: Wie groß der Wunsch nach Sicherheit wirklich ist – und wie schwer sie im modernen Dating zu finden scheint. Als kurzfristige Strategie kann Shrekking funktionieren. Ob daraus eine echte Beziehung entsteht? Vielleicht. Denn Menschen sind keine starren Konzepte. Gefühle können wachsen, Blickwinkel sich ändern und erste Annahmen sich als Irrtum entpuppen.
Entscheidend ist wohl, ob der strategische Anfang irgendwann ehrlich reflektiert wird und durch echte Annahme ersetzt wird. Eine Beziehung bleibt nur dann gesund, wenn beide Personen sich auf Augenhöhe begegnen, und zwar ohne versteckte Machtgefälle oder unausgesprochene Erwartungen. Und seien wir ehrlich: Die meisten Menschen wollen nicht wegen Äußerlichkeiten gewählt werden, sondern als ganzer Mensch. Verletzlich macht uns Dating am Ende alle, egal ob „Schönling“ oder „Shrek“.



















