Seit „Fifty Shades of Grey“ Einzug in sämtliche Haushalte des Landes erhalten hat, gehören BDSM-Praktiken auf einmal genauso zum Leben vieler Damen, wie Grillpartys zum Sommer. Ich möchte ja niemandem etwas unterstellen, aber ich bin überzeugt, dass ein Großteil der ganzen „Anastasia Steeles“ nur akut BDSM-affin sind, weil sie auch einen Christian wollen. Und zwar GENAU SO wie er im Buch ist.

Wäre Christian ein Dieter, und Mitte Vierzig anstatt Ende Zwanzig, und würde Dieter in ’ner Platte wohnen anstatt so hochexklusiv wie Herr Grey – dann wären die Bücher der Reihe mit Sicherheit nicht so durch die Decke geschossen.

Ich gebe zu, dass den unnahbaren Christian eine Aura des Mystischen umgibt, und sein zwischenmenschliches Agieren dies noch verstärkt, doch ist das nicht unfair?

Wenn Dieter seine Schnalle nach’m Hertha-Spiel regelmäßig zum vögeln bestellen würde, ansonsten eher wenig Interesse zeigt, und sich nach vier Wochen immer noch nicht öffentlich auf Facebook zur Beziehung bekennen würde, dann bekäme er bestimmt nicht das Prädikat „geheimnisvoll“, sondern den Titel „Arschloch“. Von der möglichen Kontostand-Differenz der beiden will ich gar nicht erst anfangen…

Frage: Wer von euch kann mir (unabhängig vom Buch) genau erklären, was es mit BDSM auf sich hat, und worauf es wirklich ankommt? Was macht einen guten Dom aus, und womit bestückt ihr euer Aftersex-Erste-Hilfe-Kit?

Wir haben den Gentledom zum Interview gebeten, und Licht ins Dunkle (haha) gebracht.


„Gentle“ und „Dom“ verträgt sich ja nicht in jedermanns Gehirn. Wieso in deinem?

Wer einem Klischee folgen mag, der wird diese beiden Begriffe vielleicht nicht so leicht unter einen Hut bekommen. Ich lebe mein Leben aber gerne abseits dieser Klischees. Ein dominanter Mann muss kein Macho, Lederträger oder Arsch sein. Es ist einfach eine Veranlagung, neben der es noch viele weitere Charaktereigenschaften gibt, zumindest bestimmt meine dominante Seite nicht mein ganzes Leben. Wäre dem so, wäre ich auch eher Sklave meiner Triebe und alles andere als frei. Gerade in einer Beziehung habe ich viel Spaß daran, meiner Partnerin Freude zu bereiten, eben nicht nur im sexuellen Kontext. Ob ich ihr daheim nach einem Stadtbummel aus dem Mantel helfe, oder sie mir einfach packe und auf die Knie drücke, um meinen Spaß in ihr zu haben, ist eine Frage der Lust. Beides sollte in meinem Leben seinen Platz haben.

„Gentle“ steht übrigens ursprünglich eher für liebenswürdig/gütig denn für gutes Benehmen. Ein dominanter Mann kann durchaus liebenswürdig und gütig sein, das bedeutet nicht, dass er deshalb schwach ist. Ich kann selbst in der dominanten Rolle gut über mich selber schmunzeln oder einen Fehler zugeben, in meinen Augen ist dies eine Form der Souveränität. Dominanz, die sich erst einmal selber als solche etikettieren muss, ist wenig glaubwürdig. Sie muss vielmehr gelebt werden und dafür bedarf es Konsequenz, Ehrlichkeit und Geradlinigkeit, nicht nur gegenüber dem eigenen Partner, sondern eben auch gegenüber sich selbst.


Angenommen, ich besuche dich zu einer Gentle-Session: Was passiert mit mir?

Nun ich hoffe, du und ich werden sehr viel Spaß aneinander haben 😉 Ich bin aber niemand mit einem festen Regelwerk oder einem festen Ablauf bei einer Session. Ein solches Spiel fußt auf Interaktion oder noch genauer Kommunikation. In den letzten 15 Jahren haben aber vier Frauen ihre erste Session mit mir zu Papier gebracht und ich durfte sie veröffentlichen. Wenn dich ein solcher (sehr persönlicher) Einblick reizt, lege ich dir als Quickie „Rapegame“ und wenn du mehr Zeit hast „Neugier und Erfüllung“ ans Herz.


Was sollte ich zu meiner ersten Session mit dem Gentledom anziehen, und was gehört noch in meinen Turnbeutel?

Ich bin kein Freund von ONS, also wäre eine Zahnbürste gut, wenn du eine längere Anreise hast. Wichtig ist es, sich selber wohl zu fühlen. Vorschriften bezüglich der Kleidung mache ich bei jemandem, den ich nicht kenne aus diesem Grund eh nicht. Ich finde eine Frau ist meist am schönsten, wenn sie nackt (an dieser Stelle ein Aufruf an die Männer: bitte nicht an der Heizung sparen, wenn ihr ein heißes Date habt!) ist. Das einzige Kleidungsstück, das für mich im Schlafzimmer einen Mehrwert hat, ist ein Negligee, kommt die Dame damit aus dem Badezimmer, wird danach recht sicher nicht geschlafen.


Ich verabscheue ja „Fifty Shades of Grey“. Ist Christian ein Gentledom?
Bonusfrage: Hast du den Schinken gelesen?

Ich habe „Shades of Grey“ nicht gelesen, stehe dem Buch aber auch nicht wirklich kritisch gegenüber. Es hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass BDSM mehr in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist, auch wenn es leider ein paar blöde Klischees bedient. Ich hatte eine sehr schöne und behütete Kindheit, ein Kontrollfreak bin ich nicht, und unsere Spielarten von BDSM sind sicher etwas unterschiedlich. Wie viel Gentledom in Mr. Grey steckt kann ich aber nicht sagen, dafür bin ich zu wenig im Thema drin.


Bist du ein dominanter Dienstleister, oder praktizierst du aus Leidenschaft?

Würde ich Geld für eine Session nehmen, so würde ich etwas von mir verkaufen, das keinen Preis haben sollte. Es gibt aber durchaus einen Markt, auch für dominante männliche BDSM Dienstleistungen. Ich meine, es liegt nun sechs Jahre zurück, als mich eine Domina auf einer Party spielen gesehen hat und anbot, dass ich bei ihr im Studio mitarbeiten könnte.


Welcher Typ Frau reizt dich besonders, und warum?

Die Eigenschaft, die ich an Menschen am meisten schätze, ist Lebensfreude. Jemand der positiv denkt, ist mir eigentlich nie unsympathisch. Diese Grundeinstellung tritt im Lächeln, dem Humor, der Körperhaltung, und vielem anderen, was sehr sexy sein kann, zu Tage.

Emanzipierte Frauen mag ich sehr, sie lassen sich von anderen nicht sagen, wie sie leben sollen, und können auch ganz allein glücklich sein. Nur wer allein glücklich sein kann, kann es in meinen Augen auch dauerhaft in einer Partnerschaft sein, und nur wer selbstständig ist, kann sich wirklich freiwillig hingegeben. BDSM ist gelebte Emanzipation. Es geht allein darum, welche Neigung man hat, nicht welches Geschlecht, welche Herkunft oder welchen Bildungsstand.

Natürlich bin ich auch bis zu einem gewissen Grad oberflächlich, sexuell reizen mich nur schlanke und natürliche Frauen. Ist diese dann auch noch feminin und kann ihre Reize einsetzen, ist sie eine große Versuchung.

Mit Mitte dreißig würde ich außerdem auch gerne sesshaft werden. Wer also Kinder ablehnt, oder erst noch fünf Jahre die Welt bereisen will, mit dem teile ich durchaus gerne das Bett, könnte mir mehr aber nicht vorstellen.


Hast du ein Lieblings-Erziehungs-Maßnahmen-Spielzeug-Gadget-Gerät?

Meine eigenen Hände sind mir die liebsten Werkzeuge 😉 Nichts kommt an die Spielvielfalt einer Hand heran. Ob festhalten, runterdrücken, schlagen, streicheln, kneifen, kratzen, fingern, den Atem rauben, alles ist damit möglich, und als dominanter Part kann ich die auch immer einsetzen.

Ansonsten bevorzuge ich zum Fixieren bequeme Lederfesseln. Seile sehen toll aus, aber ich bin einfach kein Knoter. Um eine Frau zum Squirting zu bekommen, nutze ich gerne den „Jumbo Thai Bead“ (die Seite mit den kleinen Kugeln wird sehr schnell ein- und ausgeführt und die andere Hand drückt oberhalb des Schambeins) oder auch einen „Magic Wand“. Für unterwegs finde ich Vibrationseier mit Fernbedienung gut, dies weckt auf jeden Fall meinen Spieltrieb. Im Kontext der Schlagwerkzeuge ist es der Rohrstock. Mit ihm kann man sehr genau schlagen, die Kraft perfekt dosieren, und er liegt gut in der Hand.


Richtet sich eine eventuelle Bestrafung für Bockigkeit nach deinen Vorlieben, oder nach den Gegenlieben der Dame?

Für mich ist BDSM kein Rollenspiel. Wenn meine Partnerin in dem Kontext, in dem wir ein Machtgefälle haben, bewusst ein Verhalten an den Tag legt welches mir missfällt, dann wird die Strafe etwas sein, das ihr ganz sicher keine Freude bereitet. Eine Strafe dient nicht primär meiner Lust oder gar ihrer, sie soll einfach nur ein unerwünschtes Verhalten so sanktionieren, dass es in Zukunft nicht wieder vorkommt.

Ich bin niemand der gerne straft, schon gar nicht, wenn ich die Person liebe. Wer als Dom wenig strafen will, muss hart – darf aber nicht unfair sein, und konsequent vorgehen. Jeder Mensch versucht irgendwann seine Grenzen auszuloten. Je klarer die Grenzen gezogen sind, und umso sicherer eine Sanktion bei einem Verstoß erfolgt, desto weniger kommt der/die Sub in die Versuchung, diese Grenze zu überschreiten. So wie Subs mir ihre Grenzen des Spiels vorgeben, so muss ich ihnen auch ihre Grenzen innerhalb dieses Spiels aufzeigen. Dies gibt beiden Sicherheit, und wir können uns um das kümmern, was wirklich Spaß bereitet 😉

Da Vorlieben wie auch Abneigungen bei jedem Menschen anders verteilt sind, gibt es nicht die eine Strafe, sondern es ist individuell auf die Bedeutung des Fehlers sowie auch die Person abgestimmt. Habe ich zwei adäquate Bestrafungsmöglichkeiten zur Auswahl, nehme ich natürlich jene, die mir persönlich mehr liegt. Ich will ja ihr Verhalten und nicht mich selber damit strafen 😉


Welche Tabus gibt es für dich?

Für mich gibt es zwei Arten von Tabus. Die kategorischen, welche ich aus ethischen oder moralischen Gründen strikt ablehne (Kinder, Tiere, Sex an Kult- und Gedenkstätten, gefährliche Eingriffe in die Psyche, bleibende körperliche Schäden) und persönliche, welche ich aus anderen Gründen ablehne (Blutspiele, Klinik, Kot, Metakonsens). Ich kann es mir nicht vorstellen, jemals eines meiner kategorischen Tabus zu verlieren, bei den persönlichen Tabus habe ich in fünfzehn Jahren zumindest zwei verloren. Das erste war vor ungefähr neun Jahren die Ohrfeige. Die erste Frau, mit der ich Liebe und BDSM verband, hatte eine starke Vorliebe für diese Spielart und nachdem ich sehr zaghaft über meinen eigenen Schatten gesprungen bin habe ich gemerkt, wie direkt und geil es sein kann, eine Ohrfeige zu geben. Beide wissen sofort um ihre Rollenverteilung, aber ich kann es auch sehr gut verstehen, wenn diese Spielart für jemanden nichts ist.


Erziehst du auch Herren? Wenn nein, warum denn nicht?

Ich bin heterosexuell und mein BDSM ist durchaus sehr sexuell geprägt. Für mich gehören BDSM und Sex einfach zusammen. Dennoch kann ich mit einem Mann spielen, habe dies aber erst einmal in einer Affäre, in der beide mir gegenüber devot waren, vor vielen Jahren gemacht. Ich habe also mit beiden gespielt, meinen sexuellen Trieb aber allein auf seine Partnerin beschränkt. Eine Session nur mit einem Mann hätte für mich keinen Reiz.


Gibt es Erste-Hilfe-Maßnahmen, um eventuelle Folgen von „Gewalteinwirkungen“ vor der Öffentlichkeit (Chef, Mutter) zu verbergen?

Möglichkeiten, die Hinweise auf die letzte Session zu verbergen, gibt es einige. Manches kann mit Ungeschicklichkeiten erklärt, anders mit Kleidungsstücken verdeckt werden. Direkt nachdem die Spur entstanden ist, kann natürlich mit Kühlungen (Kühlakku/Eisspray) gearbeitet werden (was aber echt unsexy während der Session wäre). Einige Zeit nach der „Verletzung“ hilft aber eher Wärme. Nach einem Tag zu kühlen, wäre daher eher kontraproduktiv. Cremes und Salben gibt es viele, die meisten empfehlen Salben mit Arnika. Auch Salben mit Ringelblume, Johanniskraut, Kampfer und anderen Substanzen können die Heilzeit verkürzen. Ich bin kein Mediziner und empfehle daher immer den Gang in die Apotheke, wo man in der Regel wirklich gut beraten wird. Wenn man die Stelle nicht zeigt, ist eine Ausrede wie: „Ich bin vom Pferd gefallen, fliege übermorgen in die Karibik und will meine blauen Flecken schnell loswerden“, recht glaubwürdig. Wem auch das zu peinlich ist, der kann sich ohne individuelle Beratung die Traumeelsalbe oder ein Produkt auf Arnicabasis kaufen.